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„Es gilt jetzt, dass Tempo deutlich zu erhöhen.“

Experte:    Prof. Dr. Werner Bick, Senior Partner, ROI-EFESO   |   14.09.2023   |   Teilen auf in

 

Herr Bick, chinesische E-Fahrzeuge prägten das Bild der diesjährigen IAA – und der chinesische Weltmarktführer in der Akkutechnologie kündigte die „Superbatterie“ für die E-Mobilität an. Dahinter steht mit durchgängig digitalisierten und hochautomatisierten Werken eine gänzlich neue Industriekultur. Wie halten hiesige Unternehmen in diesem harten Wettbewerb den Anschluss?

Werner Bick: Indem sie wissen, wo sie in ihrem Markt stehen – und daraus die richtigen Entscheidungen für Veränderungen ableiten. Im klassischen Maschinenbau sieht dieser Weg sicherlich ganz anders aus als bei einem Automobilzulieferer oder eben einem Batteriehersteller.

Aber generell ist die Drucksituation, in der sich viele deutsche Fertigungsunternehmen heute befinden, auch außerordentlich anspruchsvoll: auf kurze Sicht sind Inflation und hohe Energiepreise zu stemmen. Zugleich müssen jetzt die richtigen Entscheidungen für Herausforderungen getroffen werden, die noch in der Zukunft liegen, etwa beim Thema Klimaneutralität.

 

Hinzu kommt, das geopolitische Veränderungen über Nacht eine Neuausrichtung der Wertschöpfungsketten erfordern können. Wie meistern Unternehmen diese Situation?

Werner Bick: Aktuell haben drei Punkte Priorität. Erstens, das Kostendiktat zu managen, insbesondere in der Automobilindustrie. Die Zulieferer befinden sich hier in einer mehr als undankbaren und immer schlimmer werdenden Sandwich-Position: Auf der einen Seite spüren die OEMs den brutalen Druck aus China auf den Markt, den sie an ihre Zulieferer weiterleiten. Auf der anderen Seite haben es die First-Tiers mit zuweilen wenig einsichtigen Second-Tiers zu tun. Deswegen wird das Thema Kosten sicherlich präsent bleiben – und damit die Aufgabe, alles an Effizienz und Effektivität aus den Operations-Bereichen herauszuholen.

Damit ist es aber nicht getan. Der zweite Punkt ist das Thema Schnelligkeit, also Dinge rasch verstehen und dann schnell und pragmatisch umsetzen. Und eben nicht abwarten, bis die große, ideale Workflow Management Systemlösung oder das nächste S/4HANA-Release irgendwann in den nächsten Jahren kommt. Stattdessen sollte man sich zum Beispiel mit Power BI eine Lösung schaffen, die vielleicht nicht zu 100 Prozent ausgefeilt ist, aber zu 80 Prozent die Arbeit unterstützt. Es gilt jetzt, das Tempo deutlich zu erhöhen.

 

So gehen Industrie 4.0-Pioniere wie der genannte Batteriehersteller vor. Dort wird experimentierfreudig die heute verfügbare Bandbreite an digitalen Tools ausprobiert …

Werner Bick: Richtig, das ist der dritte Punkt – Technologien ausprobieren und dann auch konsequent nutzen, was einem im Werk schnell weiterhilft. Die entscheidenden Prozessschritte bzw. Stellschrauben hinsichtlich Kosten, Produktqualität, Ressourceneinsatz etc., sind ja nun mal bekannt. Auf diese Schritte ist alles, was an digitalen Möglichkeiten vorhanden ist, voll und ganz zu konzentrieren. Das bedeutet, Daten zu generieren, interpretieren, validieren, aktiv mit den Daten zu arbeiten. Etwa, prädiktive Modelle zu erstellen, sowohl für die Anlagen als auch für die Prozesse.

Ein zentraler Effizienz-Hebel ist zum Beispiel ein digitales Shopfloor-Management, für dessen Aufbau ja keine große IT-Abteilung notwendig ist. Sobald man die Daten hat, mit denen man arbeiten kann und mit Tools wie Power BI experimentierfreudig umgeht, ergeben sich Antworten auf die wesentlichen Fragen: wo will ich mit einer Linie oder einem Werk stehen – heute, morgen, übermorgen, in den nächsten Jahren? Diese Reflexion und Verortung schafft die Standfestigkeit für alle weiteren Schritte.

Nun schaffen digitale Tools an sich aber noch keinen Mehrwert – der entsteht erst, wenn qualifizierte Mitarbeiter sie einsetzen. Wie stark kann das angesichts des Fachkräftemangels Unternehmen bei Digitalisierungsinitiativen ausbremsen?

Werner Bick: Natürlich bleibt die Personalfrage ein limitierender Faktor. Andererseits nutzt aber auch längst noch nicht jedes Unternehmen die Möglichkeiten, die in seinem Wertschöpfungsnetzwerk vorhanden sind, im Werksverbund oder sogar bei Kunden und Partnern. Schließlich bringt das Wissen, das in den eigenen Reihen entsteht, das Unternehmen nach vorne. Das ist etwas, was man nicht mal so eben adaptiert, weil es jemand anderes im Markt schon einmal passend vorgedacht hat. Man kann es nur mit der eigenen Mannschaft selbst entwickeln, etwa in „Tandems“ zwischen Prozess-Ingenieuren und Data Analysten.

Beim Thema Know-how-Aufbau sind auch die Vorteile unserer Hochschullandschaft in Deutschland nicht zu unterschätzen. Die Digital Natives an den Fachhochschulen und Universitäten bringen genau das Bildungsniveau und Mindset ein, dass für die Industrie bei den vorhin genannten Themen so wertvoll ist. Da wird schnell und pragmatisch getestet und umgesetzt. Wenn es mal nicht klappt, wird neu gestartet – wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und genauso machen es auch die Vorreiter in der Industrie 4.0 in Deutschland, an denen sich auch chinesische Unternehmen orientieren.

"Viele Unternehmen nutzen noch nicht alle Möglichkeiten ihres Wertschöpfungsnetzwerks."

 

Über Prof. Dr. Werner Bick

Werner Bick ist Senior Partner bei ROI-EFESO und Professor an der OTH (Ostbayerische Technische Hochschule) Regensburg. Als Experte für Industrie 4.0 unterstützte er zahlreiche renommierte Technologieunternehmen u.a. dabei, ihre Fertigungsprozesse sowie ihr Supply Chain Management zu verbessern.