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Kapitel 7

Lohr am Main, Deutschland

Ein Akkuschrauber für Schneewittchen

Lohr ist eine idyllische kleine Stadt im Spessart, geprägt von Fachwerkhäusern, dem Main und dem Stadtmythos, der seit dreißig Jahren das Tourismusmarketing mit einigem Erfolg befeuert: Lohr soll, nach einer äußerst fragwürdigen, aber überaus liebenswerten Theorie, die Geburtsstadt von Schneewittchen sein. Außerdem ist die Stadt auch der Sitz der Bosch Rexroth AG. Und genau deshalb sind wir hier.

Das uns interessierende Smart Product ist der von Bosch Rexroth entwickelte Akkuschrauber „Nexo“. Was sehr prosaisch klingt und es letztlich auch ist. Doch gleichzeitig ist Nexo eines der Werkzeuge, ohne die viele Industrie 4.0-Konzepte gar nicht umsetzbar wären. Nexo ist eine Arbeitsameise. So unauffällig der Handschrauber daherkommt, so komplex und ausgefeilt ist seine Technologie: Er verfügt über eine integrierte Steuerung, ein Speichermedium sowie Konnektivität und kann so unmittelbar in ein übergeordnetes System, zum Beispiel eine Factory Cloud, eingebunden werden, wobei seine Bediensoftware mit jedem gängigen Betriebssystem kompatibel ist. Das Gerät kann die wichtigsten Aktionsparameter, etwa Drehmoment und Drehwinkel, messen und speichern, sie dem Bediener auf einem Display anzeigen und an einen zentralen Server oder eine Cloud übertragen.

Diese Funktionalität hat in der Produktion entscheidende Vorteile. So können bei kritischen Verrichtungen, etwa im Flugzeugbau, die Schraubvorgänge genau erfasst und dokumentiert werden. Denn hier sind die Anzugsmomente für die Montage von Motorteilen, Tragflächen, oder Fenstern genau definiert und unterscheiden sich teilweise erheblich. Mit Nexo lässt sich dieser Prozess, für den eine extrem niedrige Fehlertoleranz gilt, stark vereinfachen und im Hinblick auf die Fehlerprävention optimieren.

Zudem erlaubt die im Schrauber verbaute Elektronik eine genaue Positionsbestimmung innerhalb der Werkhalle, was gleich mehrere Vorteile bringt. Einerseits kann das übergeordnete Monitoring-System für jeden einzelnen eingesetzten Schrauber genau feststellen, wo er sich befindet und an welchem Teil oder Werkstück damit gearbeitet wird. Andererseits bietet die Kombination der Positionen und Aktionsmesswerte auch die Möglichkeit, für jedes einzelne Gerät festzustellen, wie lange, wie oft und wofür es eingesetzt wurde. Damit entsteht die Basis sowohl für eine vorausschauende Wartung der Werkzeuge als auch für die Durchführung von Korrelationsanalysen, die einen tiefen Einblick in die Abläufe in Produktion und Service ermöglichen.

Verglichen mit einem intelligenten Mähdrescher oder einem smarten Carbonsegel mag der Akkuschrauber Nexo wenig aufregend erscheinen – weniger wirksam ist er deshalb nicht. Im Gesamtkonzept der Industrie 4.0 schließen intelligente Werkzeuge eine wesentliche Lücke. Die Teilnehmer des Verbundprojekts „SmartTool“ der TU Darmstadt bezeichnen die fehlende Informationstransparenz im Werkzeugkreislauf, verursacht durch fehlende oder ineffiziente Möglichkeiten der Datenerhebung und Vernetzung, als „zentrales Hemmnis, das bisher eine Erschließung von bestehenden Optimierungspotenzialen verhindert“. Smart Products lösen Probleme – manchmal solche, die erst als Problem erkennbar werden, sobald die Lösung vorliegt. In dieser Hinsicht braucht sich der Akkuschrauber Nexo nicht zu verstecken – er ist ein reinrassiges Smart Product.

Das Beispiel „Nexo“ zeigt aber auch eine weitere Dimension der Smart Products Economy. In der digitalen Ökonomie wird der Wettbewerb zunehmend zwischen Plattformen geführt. Unternehmen wie Apple oder Amazon schaffen weitgehend geschlossene Software-Systeme, in die sie ihre physischen und digitalen Lösungen integrieren. Als Folge hat der Nutzer einen signifikanten Mehrwert, wenn er möglichst viele Produkte und Services nutzt, die auf einer gemeinsamen Plattform laufen. In einem plattformbasierten Wettbewerb haben diejenigen Unternehmen, die sowohl über ein Vollsortiment als auch über eine rapide wachsende Community von Nutzern verfügen, enorme Wettbewerbsvorteile. Das Wachstum des Internets der Dinge und das Aufkommen der Smart Products verwandelt auch klassische Industrien zunehmend in zu Oligopolen tendierende Plattform-Märkte. Anbieter, die weder über ein vollständiges Sortiment (beispielsweise alle in einer Fabrik notwendigen Werkzeuge), noch über eine erfolgreiche Plattform verfügen, geraten damit unter existenziellen Druck. Die Smart Products Economy bietet faszinierende Chancen. Doch wie jede Revolution in der Geschichte der Menschheit kennt sie nicht nur Gewinner.