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„Unternehmen sind gefordert, eine Balance zwischen Ruhe und Wachsamkeit zu finden“

Impulse für den Aufbau globaler Kooperationen zwischen Wirtschaft und Politik Interview mit Prof. Dr. Oliver Lorz, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der RWTH Aachen


DIALOG: Herr Professor Lorz, der Demokratie-Bericht, den „The Economist“ jedes Jahr veröffentlicht, zählt nur noch 19 volle Demokratien weltweit. Selbst die USA gelten nun als „beschädigte Demokratie“ und der Trend für Osteuropa ist besorgniserregend. Wie wirtschaftet man als Exportweltmeister in einer Welt der „demokratischen Rezession“?

ROF. DR. OLIVER LORZ: Zuerst einmal sollte man berücksichtigen, dass in diesen Bericht nicht nur die Entwicklung formaler Institutionen, sondern auch politische Stimmungen mit einfließen. Im Beispiel der USA haben sich dort nicht die demokratischen Rahmenbedingungen verändert, sondern das darin gesetzte Vertrauen der Bevölkerung. Zudem hat eine graduelle Verschlechterung des politischen Klimas, wie wir sie immer mal wieder in Demokratien beobachten können, im Bericht dazu geführt, dass die USA unter einen kritischen Schwellenwert gerutscht und damit in den Mittelpunkt der Wahrnehmung gelangt sind.

Zwar beeinflusst eine schlechtere politische Stimmung in einem Land nicht zwangsläufig dessen Handelsbeziehungen zum Ausland – gleichwohl neigen weniger demokratische Länder stärker dazu, sich mit protektionistischen Maßnahmen abzuschotten. Protektionismus kann aber viele „Väter“ haben, also auch das Ziel demokratischer Bewegungen sein, in denen Globalisierungsgegner eine treibende Kraft bilden. Das Brexit-Votum und die gescheiterten TTIP-Verhandlungen haben ja exemplarisch gezeigt, dass nicht ein Mangel an Demokratie, sondern eine Veränderung der politischen Strömung die entscheidenden Impulse für eine veränderte Außenhandelsstrategie setzen kann.

So oder so ist Protektionismus für eine Exportnation in Summe immer problematisch. Interessant ist aber, dass der Blickwinkel der betroffenen Unternehmen ein anderer ist: Eine erfolgreiche internationale Netzwerkstrategie basiert auf langfristigen, stabilen Beziehungen in mehreren Märkten. Kurzfristige politische Stimmungen und Trends in einzelnen Ländern können und sollen hier dann kein zentraler Orientierungspunkt sein. Unternehmen sind eher darin gefordert, eine Balance zwischen Ruhe und Wachsamkeit zu finden. Sie sollten einschätzen können, welche Entwicklung mittel- und langfristig ihr Wachstum tatsächlich signifikant gefährden kann und frühzeitig entsprechende Maßnahmenpakete vorbereiten.


„Eine erfolgreiche internationale Netzwerkstrategie basiert auf langfristigen, stabilen Beziehungen in mehreren Märkten.“
Prof. Dr. Oliver Lorz

DIALOG: Vertrauen ist der Stoff, der nicht nur demokratische Gesellschaften, sondern auch Wirtschaftsbeziehungen zusammenhält. Und dieser Stoff scheint sich rapide zu verflüchtigen. Wie schwer sind die mittelfristigen Konsequenzen dieser Entwicklung für die Wirtschaft?

OL: Anstelle der These, dass sich Vertrauen in Wirtschaftsbeziehungen verflüchtigt, kann man ebenso den Standpunkt vertreten, dass zumindest in Europa nach wie vor genug Vertrauen in die Prinzipien des Rechtstaates vorhanden ist, was wiederum positive Effekte für wirtschaftliche Stabilität und Wachstum hat. Das Vertrauen der Bürger und Unternehmen in die Demokratie und in den Rechtstaat hängt in erster Linie von funktionierenden Institutionen ab: Damit erleichtern gute Institutionen wirtschaftliche Beziehungen und steigern das Einkommen, wobei das eine klassische „Henne-Ei-Situation“ ist: Vertrauen schafft Einkommen, und Einkommen schafft gute Institutionen.

Eine zentrale Voraussetzung hierfür ist sicherlich der Bildungsstand der Bevölkerung, mit dem sich sowohl politische Institutionen als auch das Einkommen stetig verbessern können. Deutschland ist im internationalen Vergleich in dieser Hinsicht gut aufgestellt, bei Schul- und Hochschulbildung, aber auch bei der Berufsausbildung und Jugendarbeitslosigkeit gab es in den vergangenen Jahren in Summe eine positive Entwicklung. Allerdings kann man auch die Bildungsfrage in einer globalisierten Welt nicht isoliert betrachten. In der globalen Perspektive zeigt sich mitunter ein ganz anderes Bild, hier gibt es auch in Industrienationen die Tendenz, charismatischen, populistischen Strömungen zu vertrauen und „alternative Fakten“ zu akzeptieren – was wiederum zur Destabilisierung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen beitragen kann, die bislang prima funktionierten.


DIALOG: Volle Demokratien, zu denen auch Deutschland gezählt wird, sind durch eine Vielzahl institutioneller und gesellschaftlicher Kontrollmechanismen gekennzeichnet. Diese reglementieren die Aktivitäten der Unternehmen und begrenzen die Eingriffsmöglichkeiten des Staates. Resultieren für die deutsche Industrie daraus nicht Nachteile im globalen Wettbewerb?

OL: Im Gegenteil, dies wirkt sich eher positiv aus. Aus Unternehmenssicht sind solche Mechanismen verständlicherweise erst einmal lästige Bürden: Verbindliche Regulierungen oder Arbeitsschutzvorgaben beispielsweise treiben die Produktionskosten. Dass die Kontrollmechanismen aber enorm vor staatlicher Willkür schützen, wird dabei manchmal übersehen. Zudem besteht ein direkter Zusammenhang zwischen der Qualität von Institutionen und der Investitionssicherheit, wenn Unternehmen internationale Fertigungsnetzwerke auf- bzw. ausbauen: Funktionierende institutionelle Kontrollmechanismen sind ein zentraler Garant für die langfristige Stabilität wirtschaftlicher Beziehungen. Die europäische Entwicklung war in den vergangenen Jahren sehr davon geprägt, mit Fokus auf einen schnellen institutionellen Aufbau andere Themen zu vernachlässigen – vor allem eben genau die populistischen Strömungen, die eine strikte Abkehr von der EU propagieren. Aus diesem Fehler sollte man nun lernen.

Zudem zeigt die Erfahrung, dass Unternehmen mit einer langfristigen Standortstrategie besser gegen unvorhergesehene, kurzfristige Veränderungen der politischen Landkarte gewappnet sind.

Dabei ist eine Ausdifferenzierung der Standortstrategie hilfreich. Unternehmen, die ihre Standorte nicht als „Satelliten“ führen, sondern Leistungen bzw. Kapazitäten nach dem Prinzip eines agilen Netzwerkes kombinieren, profitieren davon in vielerlei Hinsicht: Die Kommunikationskosten fallen, die Wertschöpfungsketten lassen sich immer feiner aufschlüsseln, etwa nach Produktionsvorteilen, Märkten oder Logistikkosten. Dies führt wiederum zu einem verstärkten Handel innerhalb der Unternehmen, worauf der gestiegene Handel mit Zwischenprodukten in der jüngeren Vergangenheit hindeutet.

Über den Interviewpartner

Oliver Lorz wurde 1968 in Kassel geboren. Nach seinem Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Konstanz promovierte er und habilitierte sich an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Vor seiner Berufung nach Aachen war er am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, an der Universität Kiel und an der Universität Konstanz tätig. Forschungsaufenthalte führten ihn ans National Bureau of Economic Research, das Massachusetts Institute of Technology und die Massey University in Neuseeland. Seit 2004 ist Prof. Dr. Lorz Leiter des Lehr- und Forschungsgebiets Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der RWTH Aachen.