Im Interview mit EFESO erläutert Klaus Buchwald, Chief Operating Officer der Siltronic AG, worauf Unternehmen bei Digitalisierung, Automatisierung und dem Einsatz von AI besonders achten sollten. Im Fokus stehen eine solide Datenbasis, die Skalierung von AI-Anwendungen sowie neue Potenziale in Design, Produktion und unternehmensübergreifenden Wertschöpfungsketten.
Worauf sollten sich Unternehmen in Ihrer Branche bei der Digitalisierung und Automatisierung konzentrieren? Gibt es z. B. besondere strategische oder operative Potenziale, die Ihrer Ansicht nach stärker zu adressieren sind?
Klaus Buchwald: In der Halbleiterbranche arbeiten wir seit 20 Jahren sehr intensiv mit Machine‑Learning-Technologien – und das entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Entwicklung bis in den operativen Bereich. Doch ich sehe noch deutlich mehr Potenzial, vor allem wenn wir stärker in die frühen Designphasen hineingehen und klassische Geschäftsprozesse betrachten, wie es auch in anderen Unternehmen der Fall ist.
Dabei bewegen wir uns zunehmend von klassischem Machine Learning hin zu generativer KI. Eine zentrale Voraussetzung bleibt jedoch unverändert: auf „saubere“ Daten zugreifen zu können. Ohne solide Datenvorbereitung und klare Datenstrukturen lassen sich KI‑Use‑Cases nicht schnell genug skalieren. Meine Erfahrung zeigt klar: Wenn die Datenbasis stimmt, können wir neue Anwendungen viel schneller ausrollen und echten Mehrwert schaffen.
Ein Großteil der Bewerber des INDUSTRIE 4.0 AWARD verbessert Wertschöpfungsprozesse gezielt mit AI, jedoch mit deutlichen Unterschieden bei der Schwerpunktsetzung und der Ergebnisorientierung.
Wie ordnen Sie den aktuellen „AI-Impact“ in produzierenden Unternehmen ein? Wo sehen Sie z. B. noch ungenutzte Handlungsfelder?
Klaus Buchwald: Tatsächlich eröffnet KI der Industrie enorme Entwicklungsperspektiven. Die Herausforderung besteht aber aktuell darin, KI-Technologien Schritt für Schritt in die Praxis zu bringen. Gerade in der Halbleiterbranche sehe ich immer wieder spannende Beispiele. Dort geht es häufig darum, Designs zu individualisieren. Man hat ein bestehendes Chip‑Design, und KI kombiniert in kürzester Zeit verschiedene Teilprozesse, um daraus eine komplett neue, kundenspezifische Lösung zu generieren, teilweise sogar zu validieren.
Für mich umfasst die Halbleiterwelt jedoch mehr als nur den Chip selbst. Sobald das Packaging ins Spiel kommt, entstehen weitere Varianten – und genau an dieser Stelle kann KI enorme Geschwindigkeit und Effizienz bringen. Unternehmen können deutlich schneller neue Designs entwickeln, testen und bereitstellen. Spannend wird es auch, wenn wir über Unternehmensgrenzen hinweg denken. Mit KI – natürlich auf Basis anonymisierter Daten – können wir den klassischen Bullwhip‑Effekt abmildern. Ganz eliminieren lässt er sich wahrscheinlich nie, aber KI kann helfen, früher, objektiver und transparenter Informationen auszutauschen.
Das zahlt wiederum direkt auf die Resilienz von Wertschöpfungsketten ein. Resilienz bedeutet schließlich nicht nur, Ausfälle von Partnern abzufangen. Es bedeutet auch, flexibel auf starke Nachfrageschwankungen reagieren zu können – nach oben wie nach unten. KI unterstützt Unternehmen dabei, schneller Entscheidungen zu treffen, potenzielle Partner frühzeitig zu erkennen und nicht erst im Ernstfall nach Alternativen suchen zu müssen.
„Wenn die Datenbasis stimmt, können wir neue Anwendungen viel schneller ausrollen und echten Mehrwert schaffen.“
Sehen Sie neben AI einen weiteren Trend – technologisch, oder aus den Rahmenbedingungen industrieller Transformation hervorgehend – der die Bedeutung von Industrie 4.0 wesentlich beeinflussen wird?
Klaus Buchwald: Humanoide Roboter werden für die Industrie immer relevanter. Leistungsfähigkeit und Kosten entwickeln sich so schnell, dass wir uns ernsthaft damit auseinandersetzen müssen. Gerade in der Halbleiterbranche, aus der ich komme, haben wir über Jahre hinweg enorme Fortschritte durch Hochautomatisierung erzielt – und sie bleibt auch weiterhin wichtig. Trotzdem gibt es viele Fertigungsbereiche, in denen klassische Automatisierung an ihre Grenzen stößt. Oft liegt das an den Gebäuden selbst: Die Strukturen erlauben kein Overhead‑Transportsystem, die Deckenhöhe oder die Statik reichen nicht aus oder die Transportprozesse sind zwar selten, aber dafür schwer und über lange Wege verteilt. Genau hier sehe ich großes Potenzial für humanoide Roboter.
Im Falle der Halbleiterproduktion sind zum Beispiel viele Fabrikgebäude schlicht nicht dafür ausgelegt, ein modernes Transportsystem zu installieren. Zugleich fallen zahlreiche Transportaufgaben an, die nichts mit der direkten Produktbearbeitung zu tun haben. Humanoide Roboter eignen sich dafür hervorragend, sie können Lücken in Arbeitsabläufen schließen, Prozesse beschleunigen und Mitarbeitende entlasten – gerade dort, wo klassische Automatisierung an ihre Grenzen kommt. Wir sollten uns daher viel intensiver mit diesem Thema beschäftigen.
Zudem sollten wir auch nicht vergessen, dass Industrie 4.0-Erfolg mehr erfordert als nur technologische Meisterschaft. Das sehen wir bei chinesischen Unternehmen, die organisatorisch agiler sind, Entscheidungen schneller treffen und konsequenter umsetzen. Genau in dieser Hinsicht dürfen wir nicht in eine Falle tappen: Wir lösen strukturelle oder kulturelle Trägheit nicht allein durch den Einsatz neuer Technologien. Wenn wir behäbig sind, hilft auch der beste Algorithmus nichts.
Deshalb sollten wir beim Thema Industrie 4.0 – das ja vom Namen her sehr technisch geprägt ist – viel stärker die kulturellen und organisatorischen Aspekte mitdenken. Technologie ist wichtig, keine Frage. In einem globalen Wettbewerb führt kein Weg an KI vorbei. Aber genauso entscheidend ist, wie wir arbeiten: wie schnell wir entscheiden, wie flexibel wir sind, wie wir Zusammenarbeit gestalten.
Bei den Award-Gewinnern ist das Thema „ROI von Industrie 4.0 Use Cases / Initiativen“ sehr präsent. Was kennzeichnet Ihrer Erfahrung nach eine gelungene Priorisierung von Investitionen im Spannungsfeld von kurzfristiger Effizienzsteigerung und langfristiger Innovationsfähigkeit?
Klaus Buchwald: Wir müssen kurzfristig Effizienzsteigerungen liefern und gleichzeitig den langen Atem für strategische, langfristige Entwicklungen behalten. Beides gehört zusammen. Kurzfristige Ergebnisse sind wichtig, um zu zeigen, was möglich ist – gerade gegenüber der Belegschaft. Sichtbare Erfolge schaffen Akzeptanz und Motivation.
Gleichzeitig dürfen wir nicht den Fehler machen, nur auf schnelle Resultate zu setzen. Innovation bedeutet auch, dranzubleiben, nachzuschärfen und sich immer wieder zu erneuern. Deshalb brauchen wir beides: schnelle, konkrete Verbesserungen im Jetzt und konsequente Arbeit an den Themen, die unsere Zukunft prägen. Nur so entsteht nachhaltiger Fortschritt.