„Wir werden eine deutliche Verkürzung der Lieferketten sehen“

 

Herr Troll, wie stark verändern Extremereignisse wie die Corona-Pandemie oder der Krieg in der Ukraine die Auseinandersetzung mit Global-Footprint-Strategien?

Zwar hat sich die Gesamtheit der Faktoren, die Footprint-Entscheidungen beeinflussen, nicht wesentlich verändert. Aber ihre Gewichtung hat sich deutlich verschoben und die Auseinandersetzung mit ihnen hat sich intensiviert. Insbesondere die Kostenbetrachtung hat aktuell nicht die gleiche Dominanz, wie noch vor wenigen Jahren.

Auch die Bedeutung der Resilienz von Lieferketten ist deutlich gestiegen. Gerade durch Corona hat man gesehen, wie anfällig Lieferketten in globalen Krisen sein können, wenn die Resilienz gering ist und einseitige Abhängigkeiten das Netzwerk prägen. Das hat die Denkweise verändert.

Der zweite Punkt, der die Perspektive auf die Lieferketten deutlich verändert hat, ist das Thema Nachhaltigkeit, vor allem der CO2-Fußabdruck. Unternehmen setzen sich vermehrt mit ihren Treibhausgasemissionen auseinander. Getrieben wird das sowohl durch den Druck des Gesetzgebers und der Verbraucher, aber auch, weil Nachhaltigkeit als wesentlicher Teil der Vision für immer mehr Unternehmen relevant ist.

 

Führen diese Veränderungen auch zu neuen Zielkonflikten bei der Gestaltung von Footprint-Strategien?

Viele der Zielkonflikte gab es schon vorher. Was sich verändert hat, ist die Bedeutung geopolitischer und nachhaltiger Faktoren. So hat man sich beispielsweise schon immer mit geopolitischen Supply-Chain-Risiken auseinandergesetzt und mit der Frage, inwiefern man in Ländern, die politische Risiken und Ungewissheiten bergen, investieren sollte. Auf dieser Basis gab es beispielsweise schon vor zehn Jahren Entscheidungen gegen Sourcing- oder Produktionsstandorte in China. Ebenso sind die Zielkonflikte zwischen der Stabilität der Lieferketten und den Kostenvorteilen nicht neu. Inzwischen haben aber qualitative Kriterien deutlich mehr Gewicht angesichts der sich abzeichnenden Abschirmungen, Blockbildungen und politischen Entscheidungen, die zunehmend ohne die Berücksichtigung internationaler Partner fallen.

 

Viele der globalen Risiken, die inzwischen eingetreten sind, waren frühzeitig erkennbar. Dennoch hat man vielfach weitergemacht. Warum?

Ein wichtiger Grund ist sicherlich, dass man lange an einen Wandel durch Annäherung geglaubt hat. Das war, zumindest in Wirtschaftskreisen, ein übergreifender Konsens. Man hat sich bewusst nicht abgewandt, sondern wollte versuchen, durch ökonomische Beziehungen positiven Einfluss in unserem Sinne zu nehmen und dabei auch gut zu verdienen. Dass man mit diesem Konzept, nach allem was wir heute sehen, falsch lag, ist tragisch. Allerdings ging es nie allein um günstige Produktions- oder Beschaffungsstandorte, sondern immer auch darum, die riesigen Märkte in Indien, China und weiteren Wirtschaftsregionen zu erschließen, weshalb man eine große Nähe und entsprechende Standorte gebraucht hat.

 

Wie disruptiv werden die Folgen für die Footprint-Geografie sein?

Globale Netzwerke zu verändern, braucht Zeit – viele Monate, oft Jahre. Gerade auf die extreme Dynamik und Heftigkeit der aktuellen Krisen kann man nicht in Echtzeit vollumfänglich reagieren. Viele Unternehmen, die beispielsweise eine hohe Abhängigkeit von chinesischen Produktionsstandorten und Lieferanten haben, setzen sich nun intensiv mit dieser Situation auseinander. Die Risiken waren bekannt. Daraus sind nun Tatsachen geworden.

Grundsätzlich bedeutet nachhaltige Globalisierung, aus der Region für die Region zu produzieren und zu liefern. Es war noch nie eine besonders geschickte Idee, aus einigen wenigen Fabriken die ganze Welt zu beliefern. Das ist nur in sehr wenigen Fällen sinnvoll, etwa wenn es um sehr spezielle Technologien geht, die man nur an einem Standort beherrscht. Die aktuelle Lage führt nun vor Augen, wie wichtig diversifizierte Netzwerke mit kürzeren Lieferketten in die Regionen hinein sind.

 

Gewinnt Europa, gewinnen weitere Regionen angesichts aktueller Krisen an Attraktivität?

In unseren Überlegungen hat Europa schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Der Kontinent ist sehr divers, von absoluten Höchstlohn- und Hightech-Standorten bis hin zu Ländern, die nahe an der EU, oder sogar in der EU sind und über erstaunlich niedrige Lohnniveaus verfügen. Schon in der Vergangenheit hat sich bei einer Vollkostenbetrachtung der Weg nach Asien oft nicht gelohnt. Es war immer schon sehr attraktiv, europäische Standorte zu suchen und zu entwickeln.

Für die Region Amerika ist Mexiko, auch in der Rolle als NAFTA-Mitglied, ein Standort mit sehr großem Potenzial. Brasilien bleibt weiterhin relevant, zumal dieser große Markt von außen kaum erschlossen werden kann. In Asien sehen wir eine gewisse Verschiebung in Länder wie Indonesien, Malaysia, Thailand, oder auch Vietnam, wo allerdings ernstzunehmende politische Risiken existieren. Hongkong verliert zunehmend an Bedeutung als Drehscheibe zwischen China und dem Rest Asiens, vor allem Südasiens. Es bleibt abzuwarten, welche Standorte davon langfristig profitieren werden.

Eine weitere Region, die schon lange in der Diskussion ist, ist Nordafrika. Einerseits durch die Nähe zu Europa und damit Relevanz für Produkte, die kurze Lieferketten brauchen. Andererseits durch die sehr niedrigen Standortkosten. Allerdings ist die Region politisch sehr umstritten. Das hat ihre Bedeutung bislang niedrig gehalten und ich denke nicht, dass sich das schnell ändern wird.

 

In der Pandemie hat Remote Work einen enormen Schub bekommen. Welchen Effekt hat diese Erfahrung auf die Footprint-Strategien?

Es hat sich gezeigt, dass viel mehr Themen, als in der Vergangenheit gedacht, remote bearbeitet werden können. Die Unterstützung entfernter Standorte durch Experten ist selbstverständlicher geworden. Natürlich muss dort, wo Produktionsstandorte physisch aufgebaut und betrieben werden, auch ein gewisses Maß an Knowhow und Entscheidungskompetenz vor Ort vorhanden sein. Aber man muss heute keine Heerscharen von Managern, Ingenieuren und Technikern mehr entsenden. Gerade in Bereichen wie F&E, Engineering und Service sind wir sehr viel dezentraler und unabhängiger geworden.

Das alles verändert die Bewertung bestimmter Standorte und beeinflusst Standortentscheidungen. Zum anderen verändert das überall auf der Welt die Arbeitskultur und hat auch Auswirkungen auf die Frage, wo und wie man Mitarbeiter sucht. In manchen Bereichen ist der Arbeitsmarkt sehr global geworden.

 

Sie haben auch die Nachhaltigkeit, insbesondere den CO2-Fußabdruck als einen Faktor angesprochen, der die Footprint-Entscheidungen zunehmend beeinflusst.

Ein Großteil der westlichen Unternehmen hat Pläne, um in den nächsten Jahren klimaneutral zu werden. Das hängt natürlich stark von der Energieintensität der jeweiligen Branchen ab. In einigen Bereichen werden sehr hohe Energiemengen benötigt, die man bislang fast nur mit Erdgas erreichen konnte. Hier werden die technologischen Umstellungen länger dauern. Es ist also nicht nur die Verfügbarkeit regenerativer Energien entscheidend, sondern auch ihre Anwendbarkeit in den Anlagen. Insofern wird die stärkere Relevanz des Carbon Footprint den Ausbau und das Design globaler Fabriknetzwerke stark beeinflussen. Gleichzeitig sehen die Unternehmen die Bereitstellung eines umweltfreundlichen Energiemix als Aufgabe der Regionen. Dass diese Rahmenbedingungen in nächster Zeit zu einem starken Standortargument werden, soweit würde ich heute nicht gehen. Zumal die Ansichten darüber, welche Energieform wie umweltfreundlich ist, bekanntlich selbst in Europa sehr stark auseinander gehen.

 

Wir kennen alle die fast surreal anmutenden Aufnahmen der gigantischen Schiffsstaus vor der chinesischen Küste. Gleichzeitig sind die Transportkosten in den letzten Jahren exponentiell gestiegen. Ist durch diese Entwicklungen nicht einer der tragenden Pfeiler der Globalisierung eingebrochen?

Das sehe ich nicht so. Die wesentlichen Gesetzmäßigkeiten, nämlich die Gesamtkosten (Total Landed Cost), die Verfügbarkeit qualifizierter Kräfte und ein starkes Zuliefernetzwerk werden neben den Nachhaltigkeits- und Resilienzaspekten ihre Gültigkeit behalten. Deswegen glaube ich, dass wir auch weiterhin globale Produktionsnetzwerke und damit Containerverkehr zwischen den Kontinenten haben werden. Ein Apfel vom Bodensee ist nicht notwendigerweise nachhaltig, wenn die ersten 20 km mit einer miserablen Ökobilanz zurückgelegt werden. Es kommt auf die richtige Gestaltung der gesamten Versorgungskette an. Trotzdem bin ich mir sicher, dass wir die sehr langen und komplexen Lieferketten in Zukunft weit seltener als heute sehen werden.